Forschung am ZRWP

Die Forschung am ZRWP fokussiert auf unterschiedliche Dimensionen der Interaktion zwischen Religion, Politik, Wirtschaft und öffentlichem Raum. Das Verhältnis von Wirtschaft und Religion wird besonders an der Universität Basel untersucht. Politik und Religion sowie Normativitäts-diskurse stehen im Zentrum des Forschungsinteresses an der Universität Luzern. Fragen um Religion, Medien und Öffentlichkeit werden in Zürich vertieft. Die Universität Fribourg steuert Finanz- und Managementwissen bei. Die Universität Lausanne untersucht die Interaktion von Religion, Wirtschaft und Politik aus religionssoziologischer Perspektive.

Forschung am ZRWP Basel

Kirche und Geld

Die Forschung am ZRWP Basel bearbeitet Themen im Bereich von Religion und Wirtschaft. Hierbei fokussiert sie besonders auf die Untersuchung von nachhaltiger Entwicklung. Es stehen vier Forschungsbereiche im Zentrum:

1)  Religion und Entwicklung im globalen Süden
2)  Religion im nachhaltigen Wandel
3)  Soziale Koordination in Nachhaltigkeitsprozessen
4)  Aushandlung sozialer Ungleichheit

Die Forschungsbereiche werden entlang von Forschungskollegen, drittmittelgeförderten Forschungsprojekten und individuellen Forschungsvorhaben bearbeitet.

 

 

 

Dieser Forschungsbereich untersucht die Rolle von Religion in der sozio-ökonomischen Entwicklung am Beispiel von Faith Based Organisations und der Pfingstbewegung.

Einerseits erforschen wir die Rolle von Faith Based Organisations in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Bei diesen Organisationen handelt es sich um Non-Government Organisations, die sich durch den Bezug auf eine religiöse Tradition von säkularen NGOs unterscheiden. Durch ihren Glaubenshintergrund und ihre lokale Verflechtung in religiöse Gemeinschaften bringen sie spezifische Ressourcen in die Entwicklungszusammenarbeit ein, die sie gegenüber anderen NGOs hervorheben. Jedoch können die besonderen Merkmale dieser Organisation ebenfalls mit Herausforderungen und Nachteilen einhergehen. Die Potenziale und Herausforderungen von Faith Based Organisations wurden mitunter in dem Forschungskolleg „Religion and Development“ untersucht. In Kürze werden hierzu zwei Bände unter den Titeln „Faith Based Organisations in Development Discourses and Practices“ und „Does Religion make a Difference? Religious NGOs in International Development Work“ erscheinen.

Auch die rasante Ausbreitung der Pfingstbewegung im Globalen Süden beeinflusst sozio-ökonomische Entwicklung. Es wird davon ausgegangen, dass die Pfingstbewegung eine disziplinierende Wirkung auf die Lebensführung ihrer Mitglieder hat. So wird von Pfingstlern erwartet, dass sie hart arbeiten, ehrlich und pünktlich sind und vom Alkohol und Glücksspiel abschwören. Auch verfügen Pfingstkirchen häufig Hilfsnetzwerke und interne Arbeitsmärkte. Dementsprechend wird in der wissenschaftlichen Debatte davon ausgegangen, dass die Pfingstbewegung ihren Mitgliedern ermöglicht sich an die wandelnden sozio-ökonomischen Strukturen in der späten Moderne (z.B. neo-liberaler Kapitalismus) anzupassen. Dadurch sei zugleich der soziale Aufstieg von Pfingstlern erleichtert. Andererseits verweisen kritische Stimmen auf die Grenzen und Nachteile der Pfingstbewegung beim sozialen Aufstieg und der Anpassung an die westliche Moderne. Wir untersuchen diese Argumente, um die Rolle der Pfingstbewegung beim sozialen Wandel und Aufstieg im Globalen Süden zu ermitteln.

ForscherInnen
Prof. Dr. Andreas Heuser; Prof. Dr. Jens Köhrsen; Dr. Claudia Hoffmann

Publikationen
Heuser, Andreas. 2013. “„Refuse To Die in Poverty“: Armutsüberwindung und Varianten des Wohlstandsevangeliums in Afrika.” Theologische Zeitschrift 69 (1/2): 146–71.

Heuser, Andreas, ed. 2015. Pastures of Plenty: Tracing Religio-Scapes of Prosperity Gospel in Africa and Beyond. Studien zur interkulturellen Geschichte des Christentums volume 161. Frankfurt am Main: Peter Lang Edition.

Koehrsen, Jens. 2016. Middle Class Pentecostalism in Argentina: Inappropriate Spirits. Leiden/Boston: Brill; http://booksandjournals.brillonline.com/content/books/9789004310148.

Koehrsen, Jens. 2017. “When Sects Become Middle Class: Impression Management among Middle-Class Pentecostals in Argentina.” Sociology of Religion 78 (3): 318–339.

Religion kann eine zentrale Rolle bei Prozessen des ökologisch-nachhaltigen Wandels spielen. So erfreut sich Religion trotz Säkularisierungstendenzen einer hohen Popularität und Wahrnehmbarkeit und prägt das alltägliche Leben grosser Bevölkerungsgruppen. Zugleich positionieren sich religiöse Akteure zunehmend zu den ökologischen Herausforderungen und versuchen Beiträge zum nachhaltigen Wandel zu leisten, wie sich prominent an der Enzyklika Laudato Si: Über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus zeigt. Auf der anderen Seite kann Religion jedoch auch eine bremsende Wirkung auf nachhaltigen Wandel haben oder gar zu Umweltproblemen beitragen. Dies ist etwa der Fall, wenn religiöse Kosmologien eine klimatische Apokalypse als notwendigen Schritt auf dem Weg zur göttlichen Verheissung betrachten.   

Das Forschungsprojekt untersucht die Rolle von Religion im ökologisch-nachhaltigen Wandel vergleichend am Beispiel der beiden Städte Luzern und Ravensburg. Dabei werden Ansätze aus der Nachhaltigkeitsforschung, der soziologischen Theorie und der wissenschaftlichen Debatte über Religion und Ökologie miteinander verbunden. Es können zwei mögliche Arten unterschieden werden, wie Religion in den ökologischen Nachhaltigkeitsprozess einfliessen kann: Einerseits können sich religiöse Akteure (z.B. christliche Kirchen, aber auch nicht institutionalisierte Formen von Religiosität wie z.B. Öko-Spiritualität) aktiv einbringen und spezifische Beiträge zum nachhaltigen Wandel leisten. Sie können beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit in dem Bereich betreiben und Einfluss auf Entscheidungsträger ausüben, konkrete soziotechnologische Projekte (Installation von Sonnenkollektoren auf Kirchengebäuden) anstossen oder von umweltfreundliche Weltanschauungen und Werteinstellungen verbreiten (z.B. über Predigten oder Religionsunterricht). Andrerseits kann Religion auch bei "nicht-religiösen" Akteuren zum Tragen kommen, etwa wenn sich Politiker in öffentlichen Statements auf den "den Schutz der Schöpfung" beziehen oder umweltengagierte Entrepreneure von der "Heiligkeit der Natur" sprechen. Wir untersuchen sowohl religiöse als auch "nicht-religiöse" Akteure, um zu ermitteln, welche Rolle Religion im urban nachhaltigen Wandel der beiden Städte spielt. Damit leistet das Projekt einen wichtigen empirischen Beitrag zur religionswissenschaftlichen und theologischen Debatte über Religion und Ökologie. Andererseits erweitert es die wissenschaftliche Nachhaltigkeitsdebatte um die bisher stark vernachlässigte Dimension Religion.

ForscherInnen
Prof. Dr. Jens Köhrsen; Dr. Julia Blanc; Fabian Huber; Vera Schaffer

Projektwebsite
https://ugr.theologie.unibas.ch/de/home/

Publikationen
Koehrsen, Jens. 2015. “Does Religion Promote Environmental Sustainability? - Exploring the Role of Religion in Local Energy Transitions.” Social Compass 62 (3): 296–310.

Koehrsen, Jens. 2017. “Religious Agency in Sustainability Transitions: Between Experimentation, Upscaling, and Regime Support.” Environmental Innovation and Societal Transitions.

Unterschiedliche Typen von Akteuren partizipieren an den Prozessen nachhaltigen Wandels: Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler, Mitarbeitende der Stadtverwaltungen, engagierte Bürger etc. Diese Akteure stammen aus unterschiedlichen sozialen Sphären (z.B. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft). Dementsprechend verfolgen sie ungleiche Ziele (z.B. Wählerstimmen, ökonomische Gewinne, wissenschaftliche Publikationen), operieren jeweils entlang spezifischer Normen und verwenden eigene Semantiken. Trotz dieser Unterschiedlichkeiten müssen sich die Akteure im Zuge des nachhaltigen Wandel miteinander abstimmen. In diesem Forschungsbereich werden diese Abstimmungsprozesse untersucht und anhand sozialwissenschaftlicher Modelle (z.B. Boundary Work, Feldmodelle, Regional Innovation Systems) analysiert.

ForscherInnen
Prof. Dr. Jens Köhrsen

Publikationen
Mattes, Jannika, Andreas Huber, and Jens Koehrsen. 2015. “Energy Transitions in Small-Scale Regions – What We Can Learn from a Regional Innovation Systems Perspective.” Energy Policy 78:255–64.

Koehrsen, Jens. 2017. “Boundary Bridging Arrangements: A Boundary Work Approach to Local Energy Transitions.” Sustainability 9 (424).

Kulturelle Geschmäcker und Stile dienen der Markierung von sozialen Status. Dementsprechend werden gehobene Mittelschichten dazu tendieren ihren Status durch Formen kulturellen Konsums (z.B. in Ernährung, Kleidung, Medienkonsum) zu signalisieren, der sie von anderen sozialen Schichten abgrenzt. Die jeweiligen Statusmarker normieren das soziale Verhalten in der sozialen Schicht, so dass Abweichungen zu Formen sozialer Devianz werden können. Bei ausreichender Devianz laufen „Abweichler“ Gefahr durch ihr soziales Umfeld stigmatisiert und gegebenenfalls aus sozialen Netzwerken ausgeschlossen zu werden. Der Forschungsbereich widmet sich der Frage, wie Mittelschichtsakteure mit dem eigenen abweichenden Verhalten umgehen und welche Strategien sie wählen, um den Status ihrer abweichenden Praktiken zu verhandeln.

ForscherInnen
Prof. Dr. Jens Köhrsen

Publikationen
Koehrsen, Jens. 2018. “Religious Tastes and Styles as Markers of Class Belonging: A Bourdieuian Perspective on Pentecostalism in South America.” Sociology (Forthcoming): 003803851772228.

Koehrsen, Jens. 2016. Middle Class Pentecostalism in Argentina: Inappropriate Spirits. Leiden/Boston: Brill; http://booksandjournals.brillonline.com/content/books/9789004310148.