Habilitation an der Theologischen Fakultät Basel

Die Fakultät unterstützt Habilitations- vorhaben in einem unkomplizierten Verfahren. Das Habil-Projekt wird in Absprache zwischen dem/der betreuenden Professor/in und der Habilitandin/dem Habilitanden verhandelt. Eine offizielle Anmeldung oder Immatrikulation ist zu Beginn des Habil-Vorhabens nicht erforderlich. Erst nach Abgabe der Habilitationsschrift erfolgt die Eröffnung des Verfahrens in der Prüfungskommission der Fakultät.

 


Interviews mit aktuellen Habilitierenden

Dr. Claudia Hoffmann

«Mit dem Gefühl der Überforderung im Forschungsprozess muss man umgehen können.»

Dr. Claudia Hoffmann (rechts im Bild), Assistentin am Basler Lehrstuhl für Aussereuropäisches Christentum spricht über ihren Forschungsantrieb, die Hürden und Freuden der akademischen Arbeit und ihr aktuelles Projekt. Interviewt wird sie von Delphine Conzelmann, die eben erst ihre Dissertation begonnen hat.

 

Delphine Conzelmann: Claudia, du hast ja deine Dissertation abgeschlossen, und dich entschieden, jetzt noch eine Habilitation anzuschliessen. War das mehr zufällig, oder stand für dich schon lange fest, dass du akademisch weitermachen möchtest?

Claudia Hoffmann: Es war eine Mischung aus beidem. Als ich meine Dissertation abgeschlossen hatte, bin ich gerade nochmals Mutter geworden. Weil Andreas Heuser dann gerade ein Projekt über Migrationskirchen einwerben konnte und ich grosse Lust, an diesem Forschungsprojekt mitzuarbeiten, konnte ich nach dem Mutterschaftsurlaub an die Fakultät zurückkehren. In diesem Projekt besuche ich verschiedene Migrationskirchen im Kanton Aargau besuche, führe Interviews, mache teilnehmende Beobachtungen und lerne viele tolle Leute kennen. Dieses Projekt halte ich ausserdem für so wichtig, weil es für die Schweizer Kirchenlandschaft aktuell von hoher Relevanz ist, weshalb es auch von den reformierten Landeskirchen Aargau finanziert wird. Das inhaltliche Interesse an dieser Thematik hat mich viel mehr gereizt, als die Aussicht auf eine akademische Karriere. Es steht auch gar noch nicht fest, ob aus dem Projekt einmal eine Habilitationsschrift wird.

D.C.: War das inhaltliche Interesse bereits ausschlaggebend, als du dich – erst einige Zeit nach deinem Studium – für eine Dissertation entschieden hast?

C.H.: Bei der Dissertation war das noch etwas anders. Ich wollte gerne promoviert sein, so dass ich auch im Ausland hätte arbeiten können. Ich wäre damals gerne nach Indonesien. Mittlerweile ist es für mich familiär schwieriger, einfach ins Ausland abzurauschen.

D.C.: Karrierepläne können sich ja auch ändern. Angefangen hast du ja als Pfarrerin. Ist das immer noch ein Beruf, den du dir vorstellen kannst, oder bist du jetzt von der Akademie angetan?

C.H.: Ich bin sicher nicht abgeneigt, wieder in den Pfarrberuf einzusteigen wenn ich älter bin. Es ist ein schöner Beruf, der nahe bei den Menschen und sehr vielfältig ist.

D.C.: Viele entscheiden sich gerade deshalb gegen eine Dissertation, weil ihnen diese Arbeit zu isoliert ist. Meinst du, das ist in deinem Fachbereich etwas anders, und du kommst auch in der Forschung zu viel zwischenmenschlichem Kontakt?

C.H.: Ich habe in der Missionsgeschichte promoviert, und da sass ich auch sehr oft in Archiven und las Berichte. Jetzt mache ich empirische Forschung, und kann deshalb auch viele Interviews führen. Auch das Thema ist näher bei den Menschen und deshalb lebendiger.

D.C.: Zwischenmenschlicher Kontakt kommt aber auch mit der Lehre in deinen Beruf.

C.H.: Lehre spielt für mich eine grosse Rolle. Jetzt machen wir zum Beispiel gerade ein Blockseminar zu Migration in Ökumenischer Perspektive. Vor einem Jahr habe ich eine Übung angeboten, in der man die Methoden empirischer Forschung konkret anwenden konnte, also Migrationskirchen besucht hat und Interviews ausprobiert. Ich versuche immer, meine eigene Forschung in die Lehre einzubauen.

D.C.: Hier sind wir eigentlich beim Thema der Relevanz unserer Forschung. Ich bin mir sicher, gerade im Bereich der Missionsgeschichte wurdest du oft, nach dem Nutzen und der Relevanz deiner Forschung gefragt. Wie antwortest du darauf?

C.H.: Diese Frage stelle ich mir oft. sogar die Frage nach der Relevanz von Wissenschaft überhaupt, auch wenn es gefährlich ist, das zu sagen. Aber allgemein gilt: Wenn man seine Geschichte nicht kennt, wiederholt man seine Fehler. Missionsgeschichte hat überdies eine besondere Relevanz. Einerseits wird ja Mission sehr kontrovers und auch negativ diskutiert. Ich fand es hier besonders spannend, einen anderen Aspekt zu beleuchten und zu sehen, dass Mission nicht nur mit Zwang verbunden sein muss, sondern auch zu vielen Befreiungen geführt hat. Hier braucht es sicher noch mehr Forschung, zum Beispiel über die Rolle der Missionswerke im Nationalsozialismus. Doch auch der theologische Blick auf die Gegenwart ist relevant. Wenn man heute Medien konsumiert, könnte man meinen wir werden von Muslimen überschwemmt und der Islam bedroht uns. Dabei vergisst man, dass die Mehrheit der geflüchteten Menschen bei uns Christen sind und ihren Glauben hier auch leben. Das hat dann wiederum Konsequenzen für unsere Kirchenlandschaft.

D.C.: Gibt es denn deiner Einschätzung nach eine ideale Art, diesen Dialog zwischen alteingesessenem und dem "immigrierten" Christentum zu führen?

C.H.: Ideal wäre es, wenn alle Beteiligten wüssten, was sie tun, und man sich gegenseitig als eigenständige Grösse respektiert. Das heisst zum Beispiel, dass die Schweizer nicht versuchen, die anderen zu belehren, und dass die Kirchen, die zu uns kommen, bereit sind zu verstehen, wie wir unseren Glauben leben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Schweizer Kirchen glauben, mit Raumvermietung an andere Kirchen wäre bereits ökumenische Arbeit geleistet. Für Zusammenarbeit gibt es aber viele Modelle, und beide Partner müssen ihre Erwartungen klären. Möchten wir Räume vermieten, zusammen Gottesdienst feiern, ein Quartierfest organisieren, oder eine Partnerschaft eingehen?

D.C.: Wie kannst du als Forscherin dazu einen Beitrag leisten?

C.H.: Einerseits bietet dieses Projekt die erste qualitative Studie zum Thema Migrationskirchen, also gewissermassen eine inhaltliche Bestandaufnahme. Andererseits kann man aus dieser Empirie aufzeigen, wie Zusammenarbeit aussehen könnte, und wie man darin mit den theologisch schwierigen Fragen, die es durchaus gibt, umgehen kann.

D.C.: Ist denn für dich schon während des Studiums klar gewesen, dass das innerhalb der Theologie das Themenfeld ist, das dich interessiert?

C.H.: Nein, eigentlich gar nicht. Ich habe in Zürich studiert und dort gibt es diesen Fachbereich gar nicht. Erst auf einer Studienreise an die Generalversammlung des Reformierten Weltbunds in Accra, Ghana, habe ich zum ersten Mal realisiert, dass reformiert sein anders aussehen kann, als in der Schweiz. Diese theologische und liturgische Vielfalt hat mich wahnsinnig fasziniert.

D.C.: Inwiefern ist ein akademischer Weg grundsätzlich von solchen zufälligen Erlebnissen, als durch Planung geprägt?

C.H.: Das ist eine sehr gute Frage. Heutzutage versucht die Universität einem klar zu machen, dass man alles planen muss. Das hat sicherlich seine guten Seiten, aber Pläne müssen sich auch ändern können. Man kann sich wahnsinnig anstrengen, ganz viel publizieren und super gut sein, aber wenn man ehrlich ist, sind die Stellen für Professuren sehr dünn gesät. Welche Faktoren letztlich ausschlaggebend sind, kann niemand wirklich sagen.

D.C.: Wie nimmst du es denn wahr, eine Frau im akademischen Umfeld zu sein. Glaubst du, die Situation verändert sich zurzeit, oder stösst du noch immer an eine gläserne Decke?

C.H.: Ich glaube, wir sind gerade in einer Zwischengeneration. Die Frauen vor uns hatten es sehr schwer, und die nach uns werden es einfacher. Wir sind so dazwischen. Frauen werden sehr gefördert und dafür bin ich dankbar. Ich konnte schon von zwei Förderprogrammen profitieren: "Stay on Track", für Mütter, die in die Akademie zurückkehren, und "Antelope, ein Karriereprogramm mit Coachingangebot für Frauen auf dem Weg zur Professur. Doch trotz solcher wirklich guten Projekte, habe ich den Eindruck, dass universitäre Strukturen für Frauen und Männer, die nicht zu 100% in diesem Sektor arbeiten wollen, nach wie vor keinen Platz lassen. Eine Professur ist mit einem gewissen Lebensentwurf verbunden, der hohe Flexibilität verlangt, und schwierig mit Familie oder Kindererziehung vereinbar ist.

D.C.: Der Arbeitsalltag ist zudem zeitintensiv. Ein Dissertationsprojekt zum Beispiel kennt oft keinen Feierabend.

C.H.: Obwohl wir ja alle im 60%-Pensum arbeiten, was glücklicherweise Zeit für eine Familie zulässt, scheint es die unterschwellige Erwartung zu geben, zu 100% an seiner Forschung zu arbeiten. Auch besteht die Gefahr, dass man in sein Thema so weit eintaucht, dass man sich bei jedem thematischen Unterast einen ganzen Baum, und noch viel mehr Arbeit, anbaut. Die Aufgabe besteht darin, diese Äste zu stutzen, und der Arbeit irgendwann einen Endpunkt zu setzen. Gerade, wenn man kurz vor dem Ende steht und bereits viel geschrieben hast, setzt oft die Angst ein, dass man das alles nie zusammenbringen wird. Wenn einen dieses Gefühl überkommt, weiss man, dass das Ende der Arbeit naht.

D.C.: Was waren für dich die grössten Hürden bisher, sei es während der Dissertation oder der Habilitation?

C.H.: Das Management von Familie, Forschung, Lehre und Administration, ist eine Hürde, die viel Organisationsfähigkeit erfordert. Auch mit dem Gefühl der Überforderung im Forschungsprozess muss man umgehen können. Die finanzielle Frage, angesichts der befristeten Verträge, ist sicher auch ein Thema.

D.C.: Wie wichtig ist es, gerade deshalb ein Netzwerk zu haben und welche Netzwerke waren für dich wichtig?

C.H.: Die Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaften ist fachlich sehr wichtig, weil sie eine Plattform bietet, um sich bekannt zu machen und Feedback zu erhalten. Aber auch der Austausch mit anderen Doktoranden ist sehr fruchtbar. Sicher ist es auch wichtig, eine gute Mentorin oder einen guten Mentor zu haben, der oder die sich Zeit für einen nehmen kann. Das kann auch jemand Fachfremdes sein. Das wichtigste ist, dass man jemandem erklären kann, was man herausgefunden hat, der nichts darüber weiss. Dann ist die Arbeit gelungen.