Habilitation an der Theologischen Fakultät Basel

Die Fakultät unterstützt Habilitationsvorhaben in einem unkomplizierten Verfahren. Das Habil-Projekt wird in Absprache zwischen dem/der betreuenden Professor/in und der Habilitandin/dem Habilitanden verhandelt. Eine offizielle Anmeldung oder Immatrikulation ist zu Beginn des Habil-Vorhabens nicht erforderlich. Erst nach Abgabe der Habilitationsschrift erfolgt die Eröffnung des Verfahrens in der Prüfungskommission der Fakultät.

Darüber hinaus freut sich die Theologische Fakultät Basel über erfolgreiche Berufungen von ehemaligen Habilitandinnen und Habilitanden.


Interviews mit aktuell Habilitierenden

Stephen Germany

Dr. Stephen Germany

Stephen Germany ist seit 2019 Postdoktorand im Rahmen des SNF-Forschungsprojektes «Transforming Memories of Collective Violence in the Hebrew Bible» an der Universität Basel. Im Frühjahr 2023 schliesst er seine Habilitation (Kingmakers and Kingbreakers: Philistines, Arameans, and Historical Patterning in Samuel–Kings) ab. Dorothee Adrian, Quest-Studentin, spricht mit ihm über seine Motivation, alte Texte neu zu interpretieren.

Dorothee Adrian: Was hat dich motiviert, in den deutschsprachigen Raum zu kommen – liegt es an deinem Nachnamen? ;-) 
Stephen Germany: Lustigerweise nicht. Ich bin im Bundesstaat Georgia geboren und in der Nähe von Atlanta in einer religiösen Familie aufgewachsen. Als Jugendlicher war der Glaube ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich bin in einer Baptisten-Kirche aufgewachsen, in der die Bibel eine sehr grosse Rolle gespielt hat. Mit der Zeit habe ich mir immer mehr Fragen gestellt: Woher kommt die Bibel eigentlich? Wie können wir dem Text der Bibel vertrauen? Im Grunde waren es historische Fragen zur Bibel. Im Studium dachte ich noch nicht, dass ich Alttestamentler würde. Ich habe zunächst französische Literatur studiert und ein Jahr in Frankreich als Austauschstudent verbracht. Dort realisierte ich, dass ich mich mehr für Bibelwissenschaft als für moderne französische Literatur interessierte. Ich belegte dann auch theologische Lehrveranstaltungen an der theologischen Fakultät Lille.

DA: Wie hast du gemerkt, dass dich das mehr interessiert? SG: Die Entfernung von zuhause hat mir erlaubt, eine eigene Perspektive auf die Bibel zu entwickeln, ohne den Druck, die Bibel «richtig» auszulegen. Dort habe ich entdeckt, dass mich diese historischen Fragen sehr interessierten. Dann verbrachte ich ein Semester in Dortmund, wo ich begann, Deutsch zu lernen. Ich realisierte, dass insbesondere für die alttestamentliche Wissenschaft Deutsch sehr wichtig ist. So war ich motiviert einerseits für das Studium, andererseits für die deutsche Sprache. Ich machte dann in Harvard einen Master in Altes Testament (AT) und promovierte an der Emory University in Atlanta. In der Dissertationszeit kam ich zurück nach Deutschland. In Berlin lernte ich Sonja Ammann kennen (Professorin für AT an der Universität Basel), die mir von der Stelle in Basel erzählte. Jetzt bin ich im vierten Jahr und hoffe, das Habilitationsverfahren im Frühjahr 2023 abzuschliessen.

DA: Was motiviert dich in deiner Tätigkeit als Alttestamentler? SG: Irgendwie ist die Erforschung des Alten Testaments meine eigene Art, «fromm» zu sein. Ich habe viel Respekt vor diesen Texten. Sie sind unglaublich komplex und reichhaltig. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und das motiviert mich, dabei zu bleiben. Ich wollte beruflich etwas machen, das abwechslungsreich ist und wo ich immer Neues entdecken kann. Das kann ich in der Bibelwissenschaft.

DA: Du sagtest, die deutschsprachige Theologie ist sehr wichtig für die AT-Forschung. Warum hat sich das ausgerechnet im deutschsprachigen Raum so entwickelt? SG: Es sind andere Perspektiven, andere Zugänge zum Text, und leider gibt es eine Art Graben zwischen Europa und Nordamerika. Es sind andere Voraussetzungen. DA: Welche? SG: Grob gesagt ist die nordamerikanische Forschung konservativer, insbesondere bezüglich der historischen Kontextualisierung der alttestamentlichen Texte. Man arbeitet öfter alleine statt in Teams. Das war auch etwas, das mich hier sehr interessierte: Die Gelegenheit, in einem Team zu arbeiten und Erkenntnisse der anderen Teammitglieder in meine Arbeit einfliessen zu lassen.

DA: Jetzt habe ich noch eine Frage zu deiner Stelle, «Postdoc». Beinhaltet das immer eine Habilitation? SG: Nicht zwingend, aber für mich würde das ohne Habilitation wenig Sinn machen. Ich möchte im deutschsprachigen Raum bleiben und bestenfalls eine Professur bekommen, und dafür braucht man eine Habilitation.

DA: Magst du das Thema deiner Habilitation noch etwas ausführen, worum geht es? SG: Ich arbeite mit den Erzählungen in Samuel und Könige und insbesondere mit der Darstellung von zwei Feinden von Israel und Juda, und zwar der Philister und Aramäer. Was mich besonders interessiert, ist die Darstellung von Epochen und die Vorstellung, dass Geschichte sich wiederholt. DA: Das heisst? SG: Ich interpretiere die Kriegserzählungen mit den Philistern und Aramäern als Vorwegnahme von späteren geschichtlichen Ereignissen unter den Assyrern. Insofern könnte man sagen, diese Konflikte zwischen Israel und den Philistern gab es historisch wohl nie – zumindest nicht so wie im AT dargestellt – aber sie sind eine Art Vergangenheitsbewältigung. Sie bearbeiten andere historische Ereignisse durch das Erzählen, wie eine Projektionsfläche. Wenn man die Samuel- und Königebücher insgesamt liest, kann man feststellen, dass vieles, was später unter den Assyrern passieren wird, bereits unter den Philistern antizipiert wird.

DA: Die Menschen haben den Konflikt mit den Assyrern erlebt und wie eine Dichtung mit anderen Namen und Bezeichnungen geschrieben. SG: Ja. DA: Um es überhaupt thematisieren zu können? SG: Und um zu zeigen: Alles was unter den Assyrern passierte, war theologisch zu erwarten. Die Fehler, die zum Untergang des Nordreichs Israel führten, waren von Anfang an da. Schon unter Saul machte man dieselben Fehler. Es stellt sozusagen den Untergang des Nordreichs in einen grösseren theologischen Kontext. DA: Die Menschen suchten eine Deutung für das Geschehene. SG: Genau.

DA: Warum ist es eigentlich immer noch möglich, etwas Neues über diese alten Texte herauszufinden? SG: Das liegt an unseren exegetischen Vorannahmen, die sich verändern. Bis vor Kurzem hat man diese Geschichten als Geschichtsbücher gelesen. Das ist auch immer noch zu finden. In meinem Fall habe ich damit angefangen, nach der theologischen Botschaft zu fragen. Dieser Perspektivenwechsel ermöglicht neue Interpretationen.

DA: Wie empfindest du die Rahmenbedingungen für die Habilitation? SG: Ich bin froh und fühle mich sehr privilegiert, denn in den USA gibt es solche Postdoc-Stellen kaum. Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich vielleicht schon aufgegeben. Es gibt dort keinen Mittelbau in dem Sinne. Wenn man nicht das Glück hat, direkt nach der Promotion eine Stelle zu bekommen, muss man basteln. Und ich kann mich hier sehr gut vernetzen und an vielen europäischen Tagungen teilnehmen.

DA: Grundsätzlich ist es aber schon ein mühsamer Weg, weil er sehr lange dauert, oder? Für wen ist Habilitieren trotzdem etwas? SG: Man sollte sich schon bewusst sein, dass eine akademische Karriere keine sichere Sache ist. Darum muss meines Erachtens sowohl bei der Promotion als auch bei der Habilitation Herzblut drinstecken. Wenn man das Gefühl hat, jeden Morgen mit Motivation aufstehen und zur Arbeit gehen zu können, ist es wohl die richtige Wahl.

Anne Nielsen

Dr. Anne Nielsen

Anne Nielsen, Postdoktorandin und Assistentin am Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik an der Theologischen Fakultät Basel, spricht über ihren Forschungsantrieb, das Leben und Arbeiten in Basel und ihre Zukunftspläne. Interviewt wird sie von Stephen Germany, Postdoktorand im Fachbereich Altes Testament.

Stephen Germany:  Anne, du bist Postdoktorandin und Assistentin am Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik an der Theologischen Fakultät Basel. Wieso hast du dich ursprünglich für Theologie interessiert? Anne Nielsen: Es gibt zwei Hauptgründe. Der eine war ein Freund meiner Eltern, der Pfarrer war. Wir unternahmen oft Freizeitaktivitäten mit ihm, wie z.B. Segelbootfahrten. Ich fand, dass er einen tollen Job hatte. Er konnte auch gut mit Menschen umgehen, und er war für mich inspirierend, schon als ich klein war. Das war der eine Grund. Der andere: Ich habe als Jugendliche mehrere Jahre lang in einem Kirchenchor gesungen, da wurde ich mit der Kirche vertraut. An den Sonntagen, nach dem Singen, habe ich mich für die Predigt interessiert und wollte manchmal dem Pfarrer nach dem Gottesdienst Fragen stellen. Philosophische Fragen waren für mich schon damals besonders interessant. Nach dem Gymnasium musste ich entscheiden, was ich studieren wollte. Erstmal habe ich ein paar Jahre Literatur studiert, dann habe ich zur Theologie gewechselt.

SG: Wie hast du dich für die Ethik als Spezialisationsbereich entschieden? AN: Bereits im Gymnasium habe ich an einer Veranstaltung zu Kierkegaard teilgenommen und ich hatte das Gefühl, dass ich diesen Denker sofort verstanden habe. Im Literaturstudium habe ich eine Arbeit über Kirkegaard geschrieben, im Theologiestudium habe ich mich schliesslich entschieden, meine Dissertation über Subjektivität und Kirkegaards Theologie zu schreiben.

SG:Wie bist du nach Basel gekommen? AN: Während des Studiums war ich viel unterwegs. Ich war Erasmus-Studentin in Zürich, dann in Berlin und Freiburg. Ich wollte wegen der Bedeutung der deutschsprachigen Theologie und Philosophie viel Zeit im deutschsprachigen Raum verbringen. Für Kirkegaard ist Subjektivität, was Hegel in seinen Entwürfen vergessen hat, Kirkegaard wollte ein Korrektiv zu Hegel sein. Ich selbst wollte nach meiner Dissertation zu Jemandem forschen, der anders gedacht hat, und interessierte mich für Karl Barth, weil er eher ein «Objektivitätsdenker» war. Ich wollte wissen, wie man auch in Objektivitätsstrukturen denken konnte. Also bin ich auf die jährliche Karl Barth-Tagung auf dem Leuenberg (BL) gefahren, weil ich wissen wollte, wie man die Karl Barth-Forschung betreibt. Dort habe ich neue Leute kennengelernt, unter anderen Georg Pfleiderer, der mir sagte, dass es bald eine offene Forschungsstelle im Fachbereich Ethik geben würde und  ich mich darauf bewerben könnte. Ich wurde angenommen und bin drei Wochen vor der Corona-Pandemie nach Basel umgezogen.

SG: Hast du bei deiner Stelle in Basel von Anfang an eine Habilitation angestrebt? AN: Bei der Assistenz-Stelle im Fachbereich Systematische Theologie/Ethik muss man entweder eine Dissertation oder eine Habilitationsschrift schreiben, also ja, das war schon vorprogrammiert. Meine Stelle hier ist gleichzeitig eine Assistenz- und eine Postdoc-Stelle.

SG:  Was sind deine anderen Aufgaben ausserhalb der Arbeit an deiner Monographie? AN: Ich unterrichte zu 20 Prozent, habe 20 Prozent administrative Aufgaben (u.a. für das Karl-Barth-Zentrum in Basel), das letzte Drittel meiner 60-Prozent-Stelle sind für das Schreiben vorgesehen. Da fehlt mir manchmal die Zeit, mich beim Schreiben zu konzentrieren, aber manchmal habe ich auch mehr als als einen Tag pro Woche Zeit zum Schreiben, wenn die anderen Aufgaben weniger sind.

SG: Wie findest du die Rahmenbedingungen für eine Habilitation in Basel? AN: Die Universität Basel erinnert mich stark an die Universität Aarhus, wo ich studiert habe. Die Städte haben eine ähnliche Grösse und die Uni spielt eine ähnliche Rolle in beiden Städten. Hier wie in Aarhus ist man auch bald in der Natur. Ich finde, dass man eine kleinere Stadt braucht, und nicht etwa eine Millionenstadt, um gut denken zu können. In Basel habe ich die Gelegenheit, vertieft ins Denken einzutauchen, weil ich nicht in einer hektischen Umgebung lebe.

SG: Gibt es ein Merkmal der Theologischen Fakultät in Basel, das du besonders wichtig für Studierende, Promovierende oder Postdocs findest? AN: Ich finde es wichtig, dass die Theologische Fakultät in der Mitte der Stadt liegt, damit man die Relevanz der Theologie fürs Menschenleben sehen kann. Ich glaube, das ist auch sehr wichtig für das Theologiestudium. An der Theologischen Fakultät in Kopenhagen hat man alles neu gebaut – das heisst Glas und Stahl – und ich glaube, dass diese unterschiedlichen Umgebungen jeweils das Denken prägen. Ein potentieller Nachteil ist die dezentrale Lage der Gebäude und der Fachbereiche der Theologischen Fakultät Basel. Das Zusammenkommen der ganzen Community wird dadurch etwas erschwert.

SG: Du hast mir im Vorgespräch gesagt, dass du bald nach Dänemark zurückkehrst. Was sind deine Pläne danach? AN: Ich werde nicht weit von der Theologischen Fakultät in Kopenhagen wohnen und  kann dort Ressourcen für meine Habil-Forschung auch finden. Zwar kann ich die Assistenz-Stelle von dort aus nicht weiter ausüben, aber ich möchte meine Monographie zu Karl Barth fertigschreiben. Dafür brauche ich einen Nebenjob als Lehrperson oder in der Kirche, und in der restlichen Zeit werde ich schreiben. Dann werde ich das Habilitationsverfahren nach wie vor in Basel abschliessen. In Dänemark gibt es sehr wenige Stellen im Fachbereich Ethik/Religionsphilosophie; darum muss man kreativ und flexibel sein, was die nächsten Karriereschritte anbelangt.