Kirchengeschichte

Wer vom Norden zum Basler Münster tritt, kann mit der Galluspforte nicht nur ein bedeutendes Bau- und Kunstdenkmal besuchen, sondern bei näherer Betrachtung auch ein beispielhaftes Verständnis der Kirchengeschichte entdecken. Auf das Ende der Geschichte wird mittig mit dem Weltgericht verwiesen, unter dem das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen zur täglichen Wachsamkeit auffordert. Links und rechts außen sind in sechs kleinen Nischen die sog. Werke der Barmherzigkeit als Handlungsempfehlungen für die Gegenwart szenisch festgehalten. Alle benannten Elemente finden sich in Matthäus 25. Den historischen Anfang der dargestellten Entwicklungen markiert die große Figur Johannes’ des Täufers auf der linken Seite, dem spiegelbildlich rechts der Evangelist Johannes zur Seite gestellt wird. Er begegnet nochmals unter den Figuren der Evangelisten, die in die Pfeiler integriert sind. Die Galluspforte steht exemplarisch für eine Auslegungsgeschichte der Bibel, und als solche hat man auch in Basel die Kirchengeschichte zu definieren versucht. So erklärt Karl Barth 1938: „Der Weg, die Geschichte der Kirche in der Zeit ist die Geschichte der Auslegung der heiligen Schrift“, bevor Gerhard Ebeling 1946/47 sein Verständnis der „Kirchengeschichte als Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift“ einflussreich entfaltete. Bekannter als die betreffenden Äußerungen Barths ist dessen vermeintliche Degradierung der Kirchengeschichte zur„unentbehrliche[n] Hilfswissenschaft der exegetischen, der dogmatischen und der praktischen Theologie“. Aber zumindest ist die Kirchengeschichte „unentbehrlich“, und neben und nach Karl Barth bemerkte man nicht nur in Basel schon mehrfach, sie hülfe gerne, wenn die anderen Fächer sich denn helfen ließen. Tatsächlich ist jedem Verstehen eine historische Dimension eigen, und so gibt es kein theologisches Fach, das nicht auch zu einer übergreifenden historischen Theologie beitrüge. Die Bezeichnung und der fachliche Zuschnitt der Kirchengeschichte sind teils historisch, teils pragmatisch bedingt. In einem fließenden Übergang zum Neuen Testament setzt der zeitliche Rahmen grob um 100 n. Chr. ein und reicht nicht nur bis zur Gegenwart, sondern – wie bei der Galluspforte – bis zu den unterschiedlichsten Endzeiterwartungen. 

Forschungsschwerpunkte

Aus der Vielfalt des Faches ergeben sich zwangsläufig Schwerpunkte in der Forschung. Im Laufe der Jahre gestalteten sich diese in Basel sehr unterschiedlich. Im 19. Jahrhundert lag der Akzent bei Forschern wie Karl Rudolf Hagenbach weithin auf neuzeitlicher Geschichte. Seit Franz Overbeck bestand ein eigenes Interesse an der Scholastik, das sich im 20. Jahrhundert bei Martin Anton Schmidt fortsetzte. In den Arbeiten der derzeitigen Assistentin und des Privatdozenten werden auch Aspekte der Mystik, Spiritualität und Frauenforschung einbezogen. Wichtige Beiträge zur Reformationsgeschichte wurden im 19. wie 20. Jahrhundert u.a. von Rudolf Stähelin und Ernst Staehelin vorgelegt. Eigenständige Zugriffe auf die Geschichte der Alten Kirche begegnen bei Overbeck und Eberhard Vischer. Interessen an Johannes Chrysostomos reichen in Basel in bemerkenswerter Kontinuität von Johannes Oekolampad bis Rudolf Brändle. Zuletzt erforschte Ulrich Gäbler die Neuzeit in ihrer Breite, bevor Martin Wallraff die Spätantike religionsgeschichtlich und epochenübergreifend erschloss. Die Forschungsschwerpunkte des derzeitigen Lehrstuhlinhabers liegen in der Reformationsgeschichte, der Aufklärungszeit und dem 19. sowie 20. Jahrhundert. Forschungs- und wissenschaftsgeschichtliche Zugriffe verbinden sich mit archivalischen und editionsphilologischen Quellenarbeiten. Besondere Interessen bestehen an digitalen Editionen.

Copyright Bilder: Dr. phil. Regine Buxtorf, Basel

Personen

Hauptamtliche Professur
Prof. Dr. Martin Kessler

Privatdozent
Pfr. PD. Dr. Michael Bangert

Assistentin
Delphine Conzelmann

Emeritierte Professoren
Prof. Dr. Rudolf Brändle
Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Gäbler

Büro- und Postadresse:

Nadelberg 10
CH-4051 Basel