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Akkadisch

M. P. Streck, Akkadisch, in: M. P. Streck (Hg.), Sprachen des Alten Orients, Darmstadt 2005, 44-79: 44-47. 22013.

«Die einheimische (akkadisch akkadû bzw. akkadītu) und zugleich moderne Bezeichnung Akkadisch für Babylonisch, Assyrisch und andere Varietäten derselben Sprache geht auf die in Nordbabylonien liegende, noch nicht genau lokalisierte Stadt Akkad, die Hauptstadt der Dynastie von Akkade (ca. 2400- 2200), zurück.
Die akkadische Sprachgeschichte  differenziert die im historischen Sprachwandel entstehenden Sprachperioden, regionale Dialekte und durch verschiedene Textgattungen bedingte Sprachebenen. Sie berücksichtigt darüber hinaus die nach Zeit, Ort und Textkategorie unterschiedliche Keilschriftorthographie.
Der traditionelle Begriff Altakkadisch für die akkadischen Sprachzeugnisse des 3. Jahrtausends vereinfacht eine kompliziertere sprachliche Situation. Die frühesten akkadischen Belege sind Personennamen und einzelne Wörter in sumerischen Verwaltungstexten der frühdynastischen Zeit (ca. 27. Jahrhundert). Sie setzen eine erste Adaption der sumerischen Keilschrift an das frühe Akkadische voraus. Über die noch ältere Geschichte des Akkadischen ist nichts Sicheres bekannt. Nach der Mitte des 3. Jahrtausend werden vor allem die Dialekte des Eblaitischen, des Mariotischen, von Tall Beydar und des Sargonisch-Akkadischen greifbar. Die Beziehungen dieser Dialekte zueinander und ihr Verhältnis zu den spätestens seit Beginn des 2. Jahrtausends erkennbaren akkadischen Hauptdialekten Babylonisch und Assyrisch sind noch nicht ganz geklärt. Das Eblaitische besitzt jedenfalls deutliche morphologische Übereinstimmungen mit dem Akkadischen, die es rechtfertigen, es als akkadischen Dialekt zu klassifizieren. Das Sargonisch-Akkadische ist nach Sommerfeld 2003 der Heimatdialekt der Herrscher von Akkade und kein direkter Vorläufer des späteren Babylonischen oder Assyrischen. Allerdings steht dieser Dialekt dem Babylonischen anscheinend näher als dem Assyrischen.
Das vergleichsweise nur schwach belegte Ur III-Akkadische vom Ende des 3. Jahrtausends ist nach Hilgert 2002 keine Fortsetzung des SargonischAkkadischen und der Vorläufer des Altbabylonischen. Dieses kündigt sich auch in verschiedenen archaischen Dialekten (ca. 2000-1900) Babyloniens, des Diyälagebietes und Maris an. Die sehr zahlreichen und sich auf alle Textgattungen verteilenden Quellen für das Altbabylonische der 1. Dynastie von Babylon (ca. 1900-1500) sowie der Lim-Dynastie in Mari (ca. 1800-1750) greifen über den Süden des Zweistromlandes im Osten bis in den Westiran, im Nordwesten dem Euphrat folgend bis nach Nordsyrien, im Norden bis nach Assyrien aus. Literarische Texte zeigen erstmals die Entwicklung einer teilweise archaisierenden, sich stilistisch abhebenden Kunstsprache. Die Schrift paßt sich dem vielleicht unter sumerischem Einfluß veränderten Lautstand der Sprache weiter an. Sumerer und die von der Region des Mittleren Euphrats nach Zentralbabylonien eindringenden nomadischen Amurriter werden sprachlich und kulturell assimiliert.
Einen noch weiteren geographischen Horizont als das Altbabylonische weist das Mittelbabylonische (ca. 1500-1000) auf. Es dient nach der Absorbtion der aus dem Osten einwandernden Kassiten in ganz Vorderasien als Lingua franca dem diplomatischen Schriftverkehr zwischen den Machtzentren Babyloniens, Assyriens, Mittanis, Syrien-Palästinas, Ägyptens und der kleinasiatischen Hethiter. Kassitischer Einfluß ist - abgesehen von dem Vokabular - nicht erkennbar. In zahlreichen lokalen Ausprägungen wird das Mittelbabylonische auch als Verwaltungssprache verwendet. Charakteristisch sind für sie die teilweise starken fremdsprachigen Einflüsse: in Nuzi hurritische, in Emar, Alalag, Ugarit und Amarna überreichlich beschriebene nordwestsemitische, in Hattusa hethitische.
Das Altassyrische (ca. 1900-1750) kennen wir vor allem durch Briefe und Verwaltungstexte aus der assyrischen Handelskolonie Kanis in Ostkleinasien und wenige Königsinschriften aus Assyrien selbst.
Vergleichsweise schwach bezeugt ist das Mittelassyrische (ca. 1500-1000) in Briefen und Verwaltungstexten. Die Königsinschriften dagegen bedienen sich des als feiner empfundenen Babylonischen.
Überaus zahlreich fließen trotz des etwa seit 1000 in ganz Vorderasien stetig vordringenden Aramäischen die sich auf alle Textgattungen verteilenden Quellen dann wieder für das Neuassyrische (ca. 1000-600) und das Neu- bzw. Spätbabylonische (ca. 1000-626 bzw. 626-3. Jahrhundert n. Chr.),  die im Zuge der Großreichsbildung unter Assyrern, Chaldäern und - aus Prestige - Achämeniden auch außerhalb des Zweistromlandes anzutreffen sind. Die Orthographie zeigt eine zunehmende Tendenz zur Anlehnung an die aramäische Konsonantenschrift, während der Einfluß der aramäischen Sprache relativ gering bleibt. Die neuassyrische Dokumentation aus dem assyrischen Kernland endet mit der Zerstörung Ninives 612; die letzten neuassyrischen Texte überhaupt stammen aus Dürkatlimmu in Ostsyrien (603-600). Spätbabylonisch gebrauchte man vielleicht noch im 3. Jahrhundert n. Chr. als Schriftsprache; in gesprochener Form erlosch es, zuletzt auf immer kleinere Bereiche Babyloniens beschränkt, wohl schon einige Jahrhunderte früher.
Das umfangreiche Korpus der literarischen Texte und der Königsinschriften ab 1500 verwendet in der Regel ein in verschiedenem Maße archaisierendes, in Assyrien auch assyrisiertes, sich von der Sprache der Briefe und Verwaltungstexte stilistisch abhebendes Babylonisch. Gewöhnlich wird diese Sprache behelfsmäßig unter dem Terminus Jungbabylonisch bzw. Standard Babylonian zusammengefaßt. Doch ist die dadurch angenommene sprachliche Einheit eher fiktiv; sinnvoller scheint es, die Sprache jeder kohärenten Textgruppe, ja unter Umständen eines jeden Einzeltextes separat zu beschreiben.»

Lehrveranstaltungen Akkadisch

  • Akkadisch: Grundlagen: jeweils im Herbstsemester, Freitag 8-10.
    • In den Herbstsemestern findet stets die Übung Akkadisch: Grundlagen statt, die sich an Anfängerinnen und Anfänger richtet. Die sprachlichen Grundlagen werden anhand einzelner Omina (v.a. Geburts- und Eingeweideomina) vermittelt, die meist für sich alleine, unabhängig vom Gesamtkontext verständlich sind. Einerseits wird so ein fundiertes Wissen über eine erste Textgattung, die der altbabylonischen Omentexte, schrittweise aufgebaut, andererseits bietet dieses Korpus Einblick in einen zentralen Bereich der mesopotamischen Kultur(en), das Omenwesen. Die in den Omina vorliegenden Wenn-dann-Satzgefüge (Protasis – Apodosis) finden sich auch in akkadischen Rechtstexten wieder. Dies befähigt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, am Ende des Semesters im Rahmen der Übung einzelne Paragraphen des Kodex Hammurabi (18. Jh. v.Chr.) zu übersetzten, einer der ältesten Sammlungen kasuistischen Rechts.
    • In sprachlicher Hinsicht vermittelt die Übung in erster Linie Grammatik und Wortschatz. Weiter wird eine kurze Einführung in die Keilschrift und die Möglichkeiten, die akkadischen Texte mittels Transliteration, Transkription (normalisierte Umschrift) oder gemischter Umschrift in lateinischer Schrift darzustellen, geboten. Schliesslich wird in der Übung Akkadisch: Grundlagen hauptsächlich die Transkription (normalisierte Umschrift) eingeübt.
    • Es werden keine Kenntnisse anderer semitischer Sprachen vorausgesetzt. Die Unterrichtsmaterialien werden auf ADAM bereitgestellt.
    • Die Übung wird mit pass/fail validiert. Voraussetzung für eine erfolgreiche Validierung sind regelmässige, aktive Teilnahme, das Lösen kleiner Übersetzungsübungen im Vorfeld und das selbstständige Nachbereiten des Unterrichtsstoffs.
  • Akkadisch: Lektüre: jeweils im Frühjahrssemester, Freitag 8-10.
    • In den Frühlingssemstern wird jeweils eine Übung Akkadisch: Lektüre angeboten, die auf den im Sprachkurs erworbenen Kenntnissen aufbaut und eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Sprache einerseits, aber auch mit einem bestimmten Text bzw. Textkorpus zum Ziel hat. (Im Blick sind neuassyrische, neubabylonische, spätbabylonische und jungbabylonische Schriftzeugnisse, die unter Einflüssen assyrischer, babylonischer, achämenidischer oder seleukidischer Dominanz entstanden.) So besteht für die Studierenden die Möglichkeit, sich jedes Jahr im Frühjahrssemester in einen neuen Textkorpus anderen Textbestand einzuarbeiten und gleichsam die Sprachkenntnisse weiter zu vertiefen.
    • In sprachlicher Hinsicht gilt die Aufmerksamkeit den Besonderheiten des jeweiligen Dialekts resp. der jeweiligen Sprachstufe. Weiter soll der Umgang mit Zeichenlisten und Wörterbüchern eingeübt werden, so dass wissenschaftliche Textausgaben (in Keilschrift und/oder Translation) künftig selbstständig erschlossen werden können.
    • Es werden Grundkenntnisse des Akkadischen vorausgesetzt (d.h. in der Regel ein erfolgreicher Besuch der Übung Akkadisch: Grundlagen)
    • Die Übung wird mit pass/fail validiert. Voraussetzung für eine erfolgreiche Validierung sind regelmässige, aktive Teilnahme, das vorbereitende Übersetzen kurzer Passagen zu Hause und die Abgabe eines zweiseitigen Reflexionspapiers bzw. einer selbsterstellten Vokabelliste am Ende des Semesters.
 

 

Aramäisch

M. Folmer, Alt- und Reichsaramäisch, in: H. Gzella (Hg.), Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Darmstadt 2009, 104-131: 104-107.

«Das Aramäische bildet eine äußerst umfangreiche und weit verzweigte Sprachgruppe, die seit dem 10. Jh. v.Chr. bis heute ununterbrochen bezeugt ist. Damit kennt das Aramäische von allen semitischen Sprachen die längste nachweisbare Überlieferung überhaupt (siehe Jastrow 2008: 1).
Nach der gängigsten Forschungsmeinung des 20. Jh. nimmt das Aramäische innerhalb der nordwestsemitischen Sprachen einen eigenen Platz neben dem Kanaanäischen (wozu auch das Hebräische gehört) und dem Ugaritischen ein. Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts werden in der Nachfolge R. Hetzrons die nordwestsemitischen Sprachen zusammen mit dem Arabischen als Teil des sog. Zentralsemitischen betrachtet, das selbst wiederum einen Zweig des Westsemitischen darstellt (siehe Huehnergard 2005b). Die frühesten eindeutig als Aramäisch zu identifizierenden Texte stammen aus verschiedenen unabhängigen Stadtstaaten in Syrien und Mesopotamien (10.-8. Jh. v.Chr.). Der Gebrauch des Aramäischen in diesen Kleinststaaten ist unter anderem belegt durch Verträge sowie Königs-, Gedenk- und Weiheinschriften aus Syrien (Sfire: KAI 222-224; Afis: KAI 202; Ḥama: KAI 203-213), Nordmesopotamien (Tell Halaf: KAI 231) und Nordpalästina (Tell Dan: Biran/Naveh 1993). Die lange aramäisch-akkadische Bilingue aus dem nordmesopotamischen Tell Fekheriye (Ende des 9. Jh.; KAI 309) dokumentiert die aramäische Sprache eines Stadtstaates, den die Assyrer gerade von den Aramäern erobert hatten; daher ist die Sprache dieser Inschrift mit akkadischen Einflüssen durchsetzt.
Im Laufe des 8. Jh. kommen die Assyrer als Folge ihrer Eroberungspolitik immer häufiger mit den Aramäern und dem Aramäischen der verschiedenen Stadtstaaten in Berührung. Aufgrund dieser Kontakte konnte sich das Aramäische, genauer gesagt: eine Form des Aramäischen, zur lingua franca und Verwaltungssprache des Neuassyrischen Reiches entwickeln (Gzella 2009; cf. 2Kö 18,17-37). Diese aramäische Sprache ist sattsam bezeugt durch unter anderem die Inschriften von König Barrakib aus Zinçirli in der heutigen Südtürkei (KAI 216-218), die Nerab-Grabinschriften aus Syrien (KAI 225-226), aramäische Beischriften auf Tontafeln mit administrativen Texten aus verschiedenen assyrischen Verwaltungszentren (Fales 1986; Hug 1993) und das berühmte Assur-Ostrakon (KAI 233), das den Brief eines hohen assyrischen Beamten an seinen Kollegen enthält. Auch die vor kurzem gefundene Inschrift aus Bukān im heutigen Iran (KAI 320), also aus einem Gebiet östlich des Neuassyrischen Reiches, entstammt wohl dieser Periode (Lemaire 1998; Sokoloff 1999). Während der Neubabylonischen Zeit (626-539 v.Chr.) bleibt das Aramäische unter chaldäischer Herrschaft als internationales Verständigungsmittel in Gebrauch, wird dazu aber auch als Umgangssprache verwendet. Das bekannteste Zeugnis aus diesem übrigens nur schlecht dokumentierten Zeitraum (Hug 1993) ist ein in Saqqara entdeckter Brief des Königs Adon aus Ekron an den Pharao (KAI 266).
In der Achämenidenzeit (538-331 v.Chr.) erreicht der Gebrauch des Aramäischen für alle Arten schriftlicher Verständigung seine höchste Blüte. Das Aramäische ist in dieser Periode direkt bezeugt durch zahlreiche Dokumente aus Ägypten (woher der Löwenanteil des Materials stammt), Palästina, Kleinasien, Babylonien, der Arabischen Wüste und Iran. Für die Ostprovinzen dieses mächtigen Reiches lässt sich der Gebrauch des Aramäischen weniger gut nachweisen als für den Westen, doch können Zeugnisse aus nachachämenidischer Zeit den mageren Befund ergänzen (z.B. aramäische Fassungen der Inschriften von König Asoka aus dem heutigen Afghanistan und Pakistan, 3. Jh. v.Chr., und die aramäischen Schreibungen - sog. "Heterogramme" - im Mittelpersischen, ab dem 1. Jh. v.Chr.).
Dieses umfangreiche Korpus setzt sich aus sehr verschiedenen Bestandteilen zusammen. Es umfasst unter anderem offizielle Schreiben wie z.B. den Schriftverkehr des Arsames, des Satrapen von Ägypten (TAD A6.1- 16), ferner den Briefwechsel über den jüdischen Tempel von Elephantine in Oberägypten (TAD A4.1-10); Privatbriefe, sowohl auf Papyrus (TAD A) als auf Tonscherben (Ostraka, TAD D), etwa die Hermopolis-Papyri (TAD A2.1-7, im Folgenden abgekürzt als HP); Verträge (TAD B), vor allem aus Elephantine, aber auch aus anderen Orten in Ägypten und Palästina; literarische Texte, wie die Sprüche von Aḥiqar (TAD C1.1); einen historischen Text, nämlich die aramäische Fassung der Bisitun-Inschrift Dareios' I. (TAD C2.1); weiterhin viele Verwaltungsdokumente, z.B. das Verzeichnis der Werft von Memphis (TAD C3.7), Grabinschriften, Weiheinschriften und Graffiti (TAD D). Der größte Teil dieser Texte stammt, wie gesagt, aus Ägypten und datiert aus dem 5. Jh. Die ältesten Zeugnisse, beispielsweise die Hermopolis-Briefe, sind gegen Ende des 6. Jh. abgefasst, die jüngsten im 4. Jh., wie etwa die Verträge auf Papyrus aus dem Wadi Daliye bei Samaria (Gropp 2001) und Ostraka aus Idumäa (Lemaire 2006). In der englischsprachigen Forschung fasst man dieses gesamte Material oft generell unter dem Namen „Official Aramaic" zusammen (das ließe sich wohl am ehesten mit „Kanzleiaramäisch" übersetzen), was aber der Uneinheitlichkeit der Texte selber nicht genügend Rechnung trägt.
Über die Untergliederung, die Abgrenzung und selbst die Bezeichnung der einzelnen aramäischen Dialekte besteht noch immer keine Übereinkunft. Das gilt auch für das Altaramäische und das Reichsaramäische, also die Texte zwischen dem 10. Jh. und dem Ende des Perserreiches 331 v.Chr. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Voraussetzungen, die den Gliederungsmodellen verschiedener Wissenschaftler zugrunde liegen (zeitlich verschiedene Sprachstufen, politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen, literarische Gattungen, sprachliche Merkmale oder eine Mischung von alledem). Wenigstens das Aramäische der unabhängigen aramäischen Stadtstaaten wird aber in jedem Fall - so auch hier - dem Begriff "Altaramäisch" (Aa.) zugeschlagen, das Aramäische aus der Achämenidenzeit dem „Reichsaramäischen" (Ra.; englisch "Imperial Aramaic"). Es ist also das aramäische Material aus den Gebieten unter neuassyrischer und neubabylonischer Herrschaft, dessen Zugehörigkeit schillert: manche Forscher betrachten es als Teil des gesamten Aa. (AG: Zeugnisse aus dem 7. Jh. v.Chr. gehören zum Altaramäischen), andere als Teil des Ra. (Fitzmyer 1979: "Official Aramaic") und wieder andere als eine Reihe selbständiger Korpora (Fales 1986; Hug 1993: "jüngeres Altaramäisch" für das Material aus dem 7. und 6. Jh.). Auch die Untergrenze des Ra. ist strittig, denn obwohl diese im engeren Sinne durch das Jahr 331 v.Chr. definiert wird, in dem Darius III. seine zweite Niederlage erlitt, lassen einige Wissenschaftler die reichsaramäische Tradition bis ins 3. Jh. n.Chr. durchlaufen (ATTM: "nachachämenidisches Reichsaramäisch"). Der letzten Ansicht liegt die Erkenntnis zugrunde, dass mit dem Fall des Achämenidenreiches zwar der Einfluss eines zentralisierten Schreiberwesens auf den Gebrauch der aramäischen Schrift und Sprache verschwand, dieser Gebrauch jedoch offenbar so tief in der Gesellschaft verwurzelt war, dass er in nachachämenidischer Zeit fortbestehen konnte. Obschon das Aramäische sich schrittweise immer weiter diversifizierte, blieb seine Grundgestalt in vielerlei Hinsicht dem Aramäischen der Kanzleidokumente aus der Achämenidenzeit noch lange ähnlich. Das gilt unter anderem für das Nabatäisch-Aramäische, das Palmyrenisch-Aramäische, das Hatra-Aramäische und das Qumran-Aramäische (Qa.).
Auch das Biblisch-Aramäische (Ba.) im Buch Esra (Esr 4,8-6,18; 7,12-26) gehört zum Ra. Die offiziellen aramäischen Schriftstücke in Esra (Briefe und ein Königserlass) gehen höchstwahrscheinlich auf Originale aus der Achämenidenzeit zurück (anders Grabbe 2006). Dennoch wurden sie redaktionell bearbeitet und vor allem in der Rechtschreibung modernisiert. Zuletzt haben die Masoreten auch diese Texte um die Mitte des 1. Jtsd. n.Chr. vokalisiert und sie dadurch ihrer Sprachgestalt während der biblischen Periode noch weiter entrückt. Obwohl zwischen dem Ba. in Esra und dem in Daniel (2,4b-7,28) einige auffallende Unterschiede bestehen, repräsentieren beide doch grundsätzlich dieselbe Art Aramäisch. Ungeachtet der Tatsache, dass die Endredaktion des Buches Daniel erst gegen Mitte des 2. Jh. v.Chr. stattgefunden hat, also erheblich später als die des Buches Esra (4. Jh.), enthält Daniel möglicherweise auch Sprachgut aus der Achämenidenzeit. […]»

Lehrveranstaltungen Aramäisch

Die sporadisch angebotenen Lehrveranstaltungen - Biblisch-Aramäisch oder Aramäische Texte aus Ägypten oder Nabatäisch – werden als Übung durchgeführt, die der Einführung in Schrift und Sprache mit Lektüre ausgewählter Texte dienen. Vorkenntnisse in einer semitischen Sprache sind nicht Teilnahmebedingung.

  • Biblisch-Aramäisch: Aramäisch verfasst sind Esr 4,8-6,18; 7,12-26; Dan 2,4b-7,28; Jer 10,11. Im Kurs wird von TeilnehmerInnen ohne Hebräisch-Kenntnisse zuerst die hebräische Quadratschrift und ihre Vokalzeichen sowie einige Grundlagen der Grammatik gelernt. Nach einer kurzen Einführung in Phonologie und Morphologie werden die Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik anhand der Lektüre einer ausgewählten Passage erweitert.
  • Aramäische Texte aus Ägypten stammen aus dem 6.-5. Jh. v.Chr. Es handelt sich im Wesentlichen um ein Briefkorpus aus Hermopolis und um Texte aus der jüdischen Kolonie auf der Insel Elephantine (bei Assuan), die verschiedenen Gattungen angehören: Listen, Briefe, Rechtsurkunden wie Heiratsurkunden, Testamente oder Schuldscheine, aber auch den literarischen Text von Aḥiqar. Im Kurs wird die editorische, epigraphische und historische Problematik aramäischer Texte erörtert und mit Übungen anhand von Facsimiles in die Paläographie des reichsaramäischen Alphabets mit 22 Zeichen eingeführt. Anhand der Texte werden Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik erworben. Daneben werden punktuelle Einblicke in die Kulturgeschichte des judäisch-ägyptischen Umfeldes geboten.
  • Nabatäisch: Die Nabatäer waren arabischsprachig, verwendeten jedoch in ihren geschriebenen Zeugnissen zumeist die aramäische Sprache in einem eigenen Schriftduktus. Die Nabatäer waren ein Volk im Grenzbereich zwischen griechisch-römischer und orientalischer Kultur, wofür ihre Hauptstadt Petra im heutigen Jordanien das steingewordene Zeugnis ist. Dieses Randvolk verdankte seinen Aufstieg der Beherrschung des Handels zwischen Arabien und dem Mittelmeer. Überliefert sind Weih-, Grab- und Memorialinschriften sowie Urkunden und Münzlegenden von der Arabischen Halbinsel bis nach Italien, ca. vom 2. Jh. v.Chr. bis zum 2. Jh. n.Chr. Im Kurs wird die editorische, epigraphische und historische Problematik nabatäischer Inschriften erörtert und mit Übungen anhand von Zeichnungen und Photos in die Paläographie des nabtäischen Alphabets mit 22 Zeichen eingeführt. Anhand der Texte werden Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik erworben. Daneben werden punktuelle Einblicke in die Kulturgeschichte des phönizischen Raumes geboten.
 


Hebräisch

H. Gzella, Althebräisch, in: H. Gzella (Hg.), Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Darmstadt 2009, 65-88: 65f.

«Bis zum Aufkommen der semitischen Epigraphik in der Mitte des 18. Jh. war das Hebräische nur aus biblischen und rabbinischen Handschriften bekannt. Die lange Entstehungszeit der Hebräischen Bibel mit ihren vielen Fort- und Umschreibungen hat sich natürlich auch in der Sprache niedergeschlagen. Doch selbst nach Abschluss der Kanonbildung ist der fixierte Text, wie er sich im Codex Leningradensis von 1008 als maßgeblicher Handschrift findet, durch die Hände zahlloser weiterer Abschreiber gegangen. Für den liturgischen Vortrag in der Synagoge haben schließlich Gelehrte ("Masoreten") die traditionelle Aussprache aus Altem und Jüngerem mit Hilfe von Vokal- und Akzentzeichen sowie anderen Diakritika sehr genau festgelegt. Normativ für die westliche, mit dem Humanismus einsetzende Grammatiktradition ist die Punktation der Masoreten von Tiberias in Galiläa geworden. Seit dem ersten christlichen Lehrbuch von Johannes Reuchlin (1455-1522), De rudimentis Hebraicis (erschienen 1506), prägt sie den Unterricht. Ihre genaue Aussprache ist allerdings verloren gegangen und muss aus mittelalterlichen Quellen wie den Werken jüdischer Grammatiker und Transkriptionen rekonstruiert werden. Keine der heute gebräuchlichen Aussprachetraditionen stimmt noch mit der ursprünglichen tiberischen überein. Es ist somit auch sehr schwer, ihren Beginn zu ermitteln.
Schon im 19. Jh. wollten Forscher "den Staub der Jahrhunderte wegblasen" und mit Hilfe des typologisch konservativeren Klassischen Arabisch das vorexilische Hebräisch hinter der Vokalisierung rekonstruieren. Doch erst mit der Erschließung semitischer Inschriften aus Syrien-Palästina und der Erforschung anderer Überlieferungsstränge (samaritanisch, babylonisch u.a.) wurde es möglich, die reiche sprachliche Variation der Hebräischen Bibel geschichtlich, geographisch und stilistisch zu verstehen. Die archaische Poesie (Gen 49; Ex 15; die Balaam-Orakel in Num 22-24; Dtn 32; 33; Jdg 5; 1Sa 2; 2Sa 1; 22 = Ps 18; 23; Ps 68; Hab 3) ist stark den Konventionen einer traditionellen Dichtersprache verpflichtet, die auch die ugaritische Epik prägt; das vorexilische Standard-Hebräisch wird durch die großen literarischen Prosaschriften sowie einige epigraphische Zeugnisse dokumentiert; nachexilisch (1-2Chr; Esr; Neh; Est; Dan u.a.) nahm aramäischer Einfluss zu, obwohl die klassische Prosa noch lange als Vorbild wirkte. Dazu wurden für verschiedene Gattungen eigene Register gebraucht, die z.T. alte Dialekte fortsetzen. Auch epigraphisch lässt sich wenigstens eine Scheidung zwischen einem Norddialekt ("Israelitisch"), bis zum Ende des Nordreiches 722 v.Chr. bezeugt durch Ostraka aus Samarien und Einschläge im Bibeltext, und einem Süddialekt ("Judäisch") als Grundlage des Klassischen Hebräisch vornehmen. Die Funde vom Toten Meer bereichern diese Vielfalt und enthalten auch Vorstufen des späteren Rabbinischen Hebräisch.»

Lehrveranstaltungen Hebräisch

Die Kenntnis des Biblisch-Hebräischen ist im Theologie-Studium obligatorisch. Biblisch-Hebräisch wird deshalb als Sprachkurs mit Prüfung und anschliessender Sprachlektüre durchgeführt. Sonstiges Althebräisch wird sporadisch als Übung angeboten, die der Einführung in Schrift und Sprache mit Lektüre ausgewählter Texte dienen. Vorkenntnisse in einer semitischen Sprache sind nicht Teilnahmebedingung.

  • Sprachkurs Biblisch-Hebräisch und Biblisch-Hebräisch-Lektüre (zusammen Modul AT 2): Der Sprachkurs Biblisch-Hebräisch ist ein Jahreskurs (Beginn im Frühjahrssemester) und vermittelt die nötigen Kenntnisse, um einfachere Prosatexte des Alten Testaments lesen, übersetzen und sprachlich analysieren zu können. Nach dem Erlernen der Schrift (Lesen und Transkribieren) werden die sprachlichen Gegebenheiten (Morphologie, Syntax, Vokabeln) des Hebräischen des Alten Testaments erarbeitet. Der Kurs wird mit dem Hebraicum (schriftliche und mündliche Prüfung) abgeschlossen, dessen Bestehen zur Teilnahme der Sprachlektüre Biblisch-Hebräisch-Lektüre jeweils im Frühjahrssemester berechtigt.
  • Biblisch-Hebräisch-Lektüre: Die zu lesenden Texte variieren von Jahr zu Jahr, so dass die Lehrveranstaltung wiederholt belegt und mit 2 KP absolviert werden kann. Dies empfiehlt sich, um die Hebräisch-Kenntnisse im Laufe des gesamten Studiums à jour zu halten.
  • Althebräische Inschriften: Im Kurs wird die editorische, epigraphische und historische Problematik phönizischer Inschriften (10.-6. Jh. v.Chr.) erörtert und mit Übungen anhand von Zeichnungen und Photos in die Paläographie des althebräischen Alphabets mit 22 Zeichen eingeführt. Anhand der Texte werden Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik erworben. Daneben werden punktuelle Einblicke in die Kulturgeschichte des israelitischen Raumes geboten.
 

Phönizisch

H. Gzella, Phönizisch, in: H. Gzella (Hg.), Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Darmstadt 2009, 48-64: 48f.

«"Phönizisch" ist der gebräuchliche Sammelbegriff für mehrere der kanaanäischen Sprachgruppe zugehörige, untereinander verständliche Dialekte, die hauptsächlich in den alten Stadtstaaten der östlichen Mittelmeerküste Byblos, Tyros, Sidon und ihrem Umland gebraucht wurden. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet entspricht ungefähr den Grenzen des heutigen Staates Libanon. Schon im 3. Jtsd. v.Chr. hatten sich dort Semiten niedergelassen; während der Späten Bronzezeit stand es unter ägyptischer und hethitischer Oberherrschaft. Jahrhunderte lang beherrschten das Akkadische und die syllabische Keilschrift Verwaltung, Rechtswesen und politische Korrespondenz. Nach den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen am Beginn der Frühen Eisenzeit stieg Byblos zum Zentrum der Alphabetschrift auf. Zugleich konsolidierten sich im Machtvakuum zwischen etwa 1200 und 900 v.Chr. in Syrien-Palästina alte und neue "Staatswesen". Man begann ab dem 10. Jh., wohl als Zeichen einer kulturellen Neuorientierung, Lokaldialekte (neben den phönizischen auch die hebräischen, die aramäischen und die transjordanischen) zu Kanzleisprachen zu erheben und verwendete dafür Alphabete in der phönizischen Tradition. Im Gefolge phönizischer Koloniegründungen und Handelskontakte verbreitete sich dieses praktische Schriftsystem bald über den gesamten Mittelmeerraum. Es wurde schließlich auch von den Griechen übernommen und weiterentwickelt.
Schon früh entwickelte sich der Dialekt von Tyros und Sidon zu einer Art "Standard-Phönizisch", das dann andere ersetzt oder, wie das Byblische, sich stark angeglichen hat. Aber auch Texte aus Zypern und ab dem 5. Jh. v.Chr. aus dem westlichen Mittelmeergebiet weisen einige örtliche Besonderheiten auf. Als Prestigesprache behauptete sich das Phönizische im Mutterland während der achämenidischen und hellenistischen Zeit gegenüber dem Aramäischen und dem Griechischen wohl noch bis etwa ins 1. Jh. v.Chr. So hat man auch in verschiedenen Büchern des Alten Testamentes (z.B. Kohelet) phönizische Einflüsse vermutet. Vom 8. bis zum 7. Jh. v.Chr. diente es zudem als Repräsentationssprache mehrerer kleinasiatischer Fürstentümer. Das Punische, ein Ausläufer des Phönizischen in Nordafrika, hielt sich nach der Zerstörung der Metropole des punischen Reiches, der tyrischen Kolonie Karthago (146 v.Chr.), mindestens bis ins 5. Jh. n.Chr. Dank Inschriften- und Münzfunden konnte das Phönizisch-Punische im 19. Jh. (erste Versuche datieren bereits ins 18. Jh.) unter maßgeblicher Beteiligung des Theologen und Hebraisten Wilhelm Gesenius endgültig entziffert werden. Seitdem hat es sich von der Hebraistik zu einem eigenen Forschungsgegenstand emanzipiert. Zwar schätzt man die Zahl der bekannten Königs-, Grab- und Weihinschriften auf rund 10.000 (hinzu kommen wenige Papyri und Ostraka sowie einige Passagen aus der Komödie Poenulus des römischen Dichters Plautus), doch vor allem die späteren Texte aus Karthago und Umgebung, die das Gros der Überlieferung darstellen, sind hochgradig formelhaft. Nur ein Bruchteil der Zeugnisse stammt aus vorpunischer Zeit, wovon viele in Donner/Röllig 21966-1969 bequem zugänglich sind (KAI 1-60; 280-294). Auf sie richtet sich diese Skizze. Der Quellenstrom setzt ein mit acht byblischen Inschriften aus dem 10. Jh. v.Chr. (KAI 1-8), die im Allgemeinen bereits dem Phönizischen zugeschlagen werden. Älter sind lediglich einige traditionelle Personennamen auf Pfeilspitzen. Vorläufer der phönizischen Dialekte vor ihrer Verschriftlichung sind höchstens als Einschlag in akkadischen, vielleicht auch in ugaritischen Texten der Bronzezeit greifbar. Die im Altertum berühmte wissenschaftliche, mythologische und historische Literatur der Phönizier ist verloren gegangen.»

Lehrveranstaltung Phönizisch
Die sporadisch angebotene Lehrveranstaltung wird als Übung durchgeführt, die der Einführung in Schrift und Sprache mit Lektüre ausgewählter Texte dienen. Vorkenntnisse in einer semitischen Sprache sind nicht Teilnahmebedingung.

Im Kurs wird die editorische, epigraphische und historische Problematik phönizischer Inschriften erörtert und mit Übungen anhand von Zeichnungen und Photos in die Paläographie des phönizischen Alphabets mit 22 Zeichen eingeführt. Anhand der Texte werden Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik erworben. Daneben werden punktuelle Einblicke in die Kulturgeschichte des phönizischen Raumes geboten.


Ugaritisch

A. Gianto, Ugaritisch, in: H. Gzella (Hg.), Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Darmstadt 2009, 28-47: 28-30.

«Ugaritisch ist die Ortssprache der alten Stadt Ugarit, heute Ras Schamra, an der Nordküste Syriens. Diese Sprache ist bezeugt durch Texte vom Ende der Bronzezeit (ca. 1300-1190 v.Chr.). Tontafeln mit ugaritischen Texten wurden bereits in den ersten Jahren der 1929 begonnenen Ausgrabungen gefunden; für einen Überblick über die Grabungskampagnen siehe Yon 1997. Die Entzifferung der Schrift und der Sprache gelang verhältnismäßig schnell, auch wenn eine umfassende Darstellung des Ugaritischen noch auf weitere Entdeckungen angewiesen ist. Zur Geschichte der Entzifferung siehe Cathcart 1999; die ausführlichste Referenzgrammatik des Ugaritischen ist Tropper 2000, siehe auch Pardee 2003/2004; nützlich sind ebenso einige kürzere Grammatiken: Segert 1984, Sivan 1997, Tropper 2002, ferner Lehrbücher wie Bordreuil/Pardee 2004 und Schniedewind/Hunt 2007.
Obwohl das Ugaritische zu den gemeinhin gut bekannten westsemitischen Sprachen gehört, ist man sich über seine genaue Stellung innerhalb dieser großen Gruppe nicht ganz einig. […]
Da die Texte aus dem zweiten Jahrtausend v.Chr. datieren, ist das Ugaritische auch die früheste direkt bezeugte nordwestsemitische Sprache. Innerhalb der nordwestsemitischen Untergruppe weist das Ugaritische einige sprachliche Merkmale auf, die in den Sprachen des ersten Jahrtausends, wie dem Phönizischen, dem Hebräischen und dem Aramäischen, nur in veränderter Form oder gar nicht mehr begegnen: Fast alle protosemitischen Konsonanten sind noch erkennbar und die kanaanäische Lautverschiebung /a/ > /ō/ hat nicht stattgefunden; die Flexion der Nomina und der Verben zeigt noch eine ursprüngliche Gestalt, die in den späteren Sprachen weitgehend vereinfacht ist; die selbständigen Personalpronomina der 3. Person im Genitiv-Akkusativ sind erhalten; der Kausativstamm wird noch mit š gebildet, im Gegensatz zum Yif'il, Hif'il oder (H)af'el des Phönizischen, Hebräischen und Aramäischen; der bestimmte Artikel ist noch nicht vorhanden; ebenso fehlt die Präposition min "von".
Inhaltlich sind die bisher gefundenen ugaritischen Texte sehr verschieden: episch (Mythen und Legenden in Poesie), religiös (Rituale, Opferlisten, Omina, Beschwörungen), epistolarisch, administrativ (Verträge, Verwaltungstexte), medizinisch (Texte zur Pferdeheilkunde) und pädagogisch (Schultexte, Alphabettafeln). Die Standardausgaben dieser Texte sind KTU und CTA. Einige ältere Studien zitieren noch Gordons UT. Aus praktischen Gründen übernehmen heute viele Gelehrte aber die Zählweise von KTU.
Parallelen zwischen mythologischen Texten aus Ugarit und den religiösen Traditionen der Hebräischen Bibel in der Behandlung bestimmter literarischer Themen wie z.B. Kampf, Sieg oder Palastbau haben dazu beigetragen, dass die Dichtung intensiver studiert wurde als andere ugaritische Texte, vor allem in den ersten fünf Jahrzehnten nach der Entdeckung. Dies hat auch eine Fachrichtung entstehen lassen, die in Nordamerika als "Northwest Semitic Philology" bekannt ist: sie behandelt das Hebräische im Licht des Ugaritischen und umgekehrt; siehe die Online-Bibliographie von Smith. Erst in den letzten paar Jahrzehnten haben sich Wissenschaftler mehr dafür interessiert, die ugaritische Sprache, Religion und Gesellschaft im Spiegel ihrer eigenen Begrifflichkeit zu untersuchen. Für eine umfangreiche Übersicht über die Bereiche der Ugaritforschung siehe Watson/Wyatt 1999.
Viele andere entdeckte Texte sind auf Akkadisch - damals die internationale Gemeinsprache - geschrieben. Es handelt sich um Verwaltungsakten, Briefe und einige literarische Texte in der mesopotamischen Tradition, siehe van Soldt 1999. Von großer Bedeutung für die Kenntnis des Ugaritischen sind lexikalische Texte mit sumerischen, akkadischen, hurritischen und ugaritischen Entsprechungen. Auch wenn sie nicht immer die präzise Bedeutung der ugaritischen Wörter angeben, enthalten sie doch wertvolle Hinweise auf ihre Lautgestalt und Morphologie, vgl. Huehnergard 1987.
Der Grundwortschatz des Ugaritischen, vor allem die Verwandtschaftsterminologie und viele alltägliche Wörter, ist Teil des gemeinsemitischen Lexikons. Es ist üblich, die Bedeutung ugaritischer Wörter mit näher verwandten, wenn auch zeitlich später belegten Sprachen wie Phönizisch, Hebräisch und Aramäisch zu vergleichen. Dennoch steht ein erheblicher Teil der in den ugaritischen Texten gebrauchten Kulturwörter in der Bedeutung dem Akkadischen und anderen Keilschriftsprachen näher. Verweise auf das Arabische können manchmal problematisch sein wegen des umfangreichen Vokabulars und der semantischen Veränderungen innerhalb des Arabischen selbst. Das Äthiopische steht dem Ugaritischen wegen seiner viel späteren Bezeugung und seiner weniger engen Verwandtschaft ferner. Einige lexikalische Merkmale kann man vom Gesichtspunkt der geographischen Dialektologie Syrien-Palästinas aus am besten erklären: Verben der Bewegung zeigen, dass das Ugaritische dem Phönizischen und Hebräischen näher steht (sie alle gebrauchen z.B. hlk "gehen", yrd "hinuntergehen", ‘ly "hinaufgehen", yṣ’ "hinausgehen", ṯwb "zurückkehren") als dem Aramäischen, das dafür oft ganz andere Lexeme verwendet (für die gleichen Bewegungen vgl. im Syrischen die Verben ’zl, nḥt, slq, npq, hpk). Aber das ugaritische Wort für "geben" ist ytn, ganz wie im ebenso im Norden beheimateten Phönizischen, und nicht, wie im Hebräischen, ntn. Gleiches gilt für das Verb "sein", das im Ugaritischen sowie im Phönizischen kwn lautet, im Hebräischen dagegen hyh. "Tun" heißt ugaritisch ‘db und nicht, wie im Phönizischen, p‘l oder, wie im Hebräischen, ‘śh.
Die ugaritischen Personennamen stehen in der Tradition der nordwestsemitischen Namensgebung, besonders jene, die eine Verwandtschaftsbeziehung zu einem bestimmten Schutzgott ausdrücken, siehe Gröndahl 1967: 1-85 und Hess 1999.»

Lehrveranstaltung Ugaritisch

Die sporadisch angebotene Lehrveranstaltung wird als Übung durchgeführt, die der Einführung in Schrift und Sprache mit Lektüre ausgewählter Texte dienen. Vorkenntnisse in einer semitischen Sprache sind nicht Teilnahmebedingung.
Im Kurs werden zunächst die rund dreissig Zeichen des ugaritischen keilschriftlichen Langalphabets gelernt. Anhand der Lektüre von Texten verschiedener Gattungen werden Kenntnisse in Morphologie, Syntax und Semantik erworben. Einblicke in die Kultur des Stadtstaates Ugarit runden die Übung ab.

 

 

Einführende Literatur

H. Gzella (Hg.), Sprachen aus der Welt des Alten Testaments, Darmstadt 2009; 22011.

M. P. Streck (Hg.), Sprachen des Alten Orients, Darmstadt 2005.